Themen 2015

„Wenn Mancher auch die Stirne faltet …“.
Zum 200. Geburtstag des Schuldirektors Johann Gottlieb Wilhelm Leuner

Mit dem Tod des damaligen Direktors der Bürgerschule, Friedrich August Pachaly, am 8. Juli 1844 musste diese Stelle neu besetzt werden. Neun Bewerbungen gingen in der vorgegebenen Frist ein, ohne dass in den Augen des Stadtrates eine Person als Nachfolger fähig gewesen wäre. So erbat sich der Stadtrat am 30. August von der zuständigen Kreisdirektion in Bautzen eine Fristverlängerung. Somit konnte die erst zwei Wochen darauf (am 11. September 1844) bei der Stadtverwaltung eingegangene Bewerbung von Johann Gottlieb Wilhelm Leuner Berücksichtigung finden.
Doch lassen wir den aus bäuerlichen Verhältnissen stammenden Leuner selbst zu Wort kommen, indem wir seinen bis dahin zurückgelegten Lebenslauf dem aus eigener Hand verfassten Schreiben entnehmen.
Ich, Johann Gottlieb Wilhelm Leuner, bin den 21. Mai 1815 zu Belmsdorf bei Bischofswerda geboren und erhielt meine Vorbildung für’s Gymnasium in der Stadtschule zu Bischofswerda. Nach meiner, Ostern 1829 erfolgten, Confirmation war ich fünf Jahre Schüler des Gymnasiums zu Budissin, das mich nicht blos in den Geist der alten Classiker eingeführt hat, sondern durch sein Chor auch für einige musicalische Ausbildung mir förderlich geworden ist. Ich verließ dasselbe Ostern 1834 mit der I. Cens[ur], um in Leipzig Theologie zu studieren. Hier wurde durch den Besuch pädagogischer Vorlesungen, wie durch die Theilnahme an practischen Übungen eine schon im Knaben vorhandene stille Neigung zu dem Schulamte gesteigert u[nd] mir zum klaren Bewußtseyn erhoben. In dem Hause des Herrn Pastor Haas zu Eppendorf bei Oederan, in welches ich am Schlusse meiner Universitätsstudien Michaelis 1837 durch Empfehlung des Herrn Prof. Dr. Niedner geführt wurde, machte ich meine ersten Versuche im Unterrichten und fand zugleich im Umgange mit meinem Principale, einem im Schulwesen ebenso erfahrnen, wie für dasselbe begeisterten Manne, und unter dessen Aufsicht eine dankenswerthe Gelegenheit für meine weitre theoretische Ausbildung im Erziehungs- u[nd] Unterrichtswesen. Der im Mai 1839 erfolgte Tod des Herrn P[astor] Haas hob auch mein so vorteilhaftes Verhältniß zu dessen Hause auf, führte mich aber urmittelbar zu meinem Ziele, nach einem eigentlichen Schulamte: der Stadtrath zu Oederan erwählte mich zum ständigen Lehrer an der dortigen Stadtschule. Drei Jahre lang wirkte ich daselbst als Lehrer der I. Mädchenclasse, sowie gleichzeitig einer untern gemischten Classe, und zwar unter den schwierigsten Verhältnissen, herbeigeführt durch eine enorme Überfüllung der Classen. Daß in denselben meine Liebe zur Schule nicht erkaltete, sondern wärmer wurde: darin habe ich bis jetzt immer die Gewähr dafür gesucht, daß meine Neigung zum Lehrerleben etwas mehr ist als ein flüchtiger Jugendrausch, darin einen Fingerzeig meines Gottes gefunden, den Lehrerberuf zum Berufe meines Lebens zu machen. Das freundliche Andenken, welches Herr Stadtrath Dr. Klien zu Budissin u[nd] andre mir wohlwollende Männer dem ehemaligen Schüler des Gymnasiums bewahrt hatten, wurde für mich Anlaß, daß ich meine mir lieb gewordne Stellung im Erzgebirge mit einer andern in der heimatlichen Lausitz vertauschte. Im November 1842 nämlich wurde ich als 7. Unterlehrer an die Bürgerschule zu Bautzen berufen, und nach einem blos fünfmonatlichen Wirken in einer obern Knaben-Parallelclasse zum Oberlehrer an der hiesigen Prenzelschen Stifts- u[nd] Freischule erwählt, welches Amt ich noch verwalte.
Leuner kommt nun seitens des Kamenzer Stadtrates mit vier weiteren Bewerbern in die engere Wahl und muss einige Prüfungen ablegen, um seine Fähigkeit zur Leitung der Bürgerschule zu beweisen. Dies fällt ihm aber schwer; allerdings weniger aus fachlichen Gründen. Leuner teilt am 10. Oktober 1844 mit:
Durch die ungesunde Witterung überhaupt und eine mir zugezogne Erkältung insbesondere ist ein so hartnäckiger Catarrh, mit Fieber und andern Unannehmlichkeiten verbunden, mir zugestoßen, daß ich seit 3 Tagen meine Schulstunden blos theilweise zu halten vermochte, auch in meinen schon recht weit vorgeschrittenen Vorarbeiten zur Probe Stillstand eintreten mußte.
Nachdem bereits die Schul-Deputation gutachterlich über die Proben beraten hatte, tagte am 28. Oktober der Magistrat in einer außerordentlichen Sitzung über die Wiederbesetzung der Direktorenstellen. Und die Abstimmung erbrachte: einhelliges Votum für Leuner. Daraufhin wurde ihm die Entscheidung mitgeteilt und er nahm die auf ihn gefallene Wahl an, so dass den zuständigen Behörden ebenfalls Mitteilung erstattet werden und die Bestallung erfolgen konnte. Am 3. Januar 1845 kam es dann zur feierlichen Einweisung des nunmehrigen Direktors der Bürgerschule, Johann Gottlieb Wilhelm Leuner, in sein Amt. Doch nicht nur der Direktor war neu, auch das kaum fünf Monate zuvor eingeweihte Schulgebäude war es. In diesem Umstand ist auch der Grund zu sehen, weshalb das Forstfest bzw. der Auszug in den Forst neu gestaltet wurde. So oblag es Leuner als Schuldirektor für die notwendigen Änderungen an diesem Schulfest Sorge zu tragen. Inwieweit er als Ortsfremder die Gestaltung des Festauszuges allein plante, muss dahingestellt bleiben. Wahrscheinlich ist, dass das gesamte Lehrerkollegium einbezogen war. Dennoch trug er als Direktor die Last der Verantwortung. Das Zitat im Titel dieses Beitrages stammt aus der Kamenzer Wochenschrift von 1845 und bezieht sich auf ein Dankgedicht zu Ehren Leuners über das Forstfest des Jahres. Es zeigt aber eben auch, dass nicht alle vollauf zufrieden mit der Neugestaltung des Festes waren. Doch die Verdienste Leuners um das Forstfest enden nicht hier. Er war zugleich einer der Gründungsväter des 1846 aus der Taufe gehobenen Kamenzer Turnvereins. Bereits 1847 – wenn nicht sogar schon 1846 – nahmen die Turner am Fest teil und erhielten spätestens 1848 ihren traditionellen Platz im Forstfest mit dem Auszug am Dienstag zum und dem Schauturnen im Forst.
Johann Gottlieb Wilhelm Leuner indes legt sein Amt im Frühjahr 1854 nieder, um die Pfarrstelle in Strahwalde anzutreten. Vier weitere Jahre später – 1858 – kehrt er als Direktor an diejenige Bautzener Bildungseinrichtung zurück, die er ein Viertel Jahrhundert zuvor als Gymnasiast besucht hatte. Im April 1879 wird Leuner mit dem Ritterkreuz des Verdienstordens I. Klasse ausgezeichnet. Im September 1883, nach 21-jähriger Direktorentätigkeit, wird ihm der Titel Schulrat verliehen. Mit seinem Übergang in den Ruhestand im Dezember 1887 wird er zum Oberschulrat befördert. Leuner verstarb am 15. Oktober 1895 in Nossen (Niedereula) im Haus seines Sohnes.

Text: Thomas Binder

Themen 2014

Kamenz und seine Bürgerschule-
Gedanken zum 170. Jubiläum der Schulhausweihe

Bildung ist eine der grundlegendsten Säulen menschlicher Entwicklung, doch sie unterliegt auch immer wieder den Veränderungen und Bewegungen der Zeit.
Dies gilt gleichfalls für die Bildungseinrichtungen, sie unterliegen Wandlung und Umstrukturierung. Dass ihre Geschichte und Entwicklung von Umständen und politischen Ereignissen geprägt wird, ist ebenso wenig zu leugnen wie die Bedeutung markanter Persönlichkeiten, Anschauungen und Ziele der jeweiligen Epoche.

Das Schulgebäude neben der St. Annen-Kirche hat Geschichte und Gesichter kennen gelernt, hat bewegte und ruhige Zeiten durchlaufen und Generationen von Schülern in ihrer Entwicklung geprägt.
„Lerne Weisheit, Uebe Tugend“ steht seit nunmehr 170 Jahren über den Haupteingängen zur „grünen“ Schule.

Seine Entstehung hat das Gebäude dem verheerenden Stadtbrand von 1842 zu verdanken. Nachdem zunächst Wohn-, Wirtschafts- und Geschäftsgebäude wieder hergestellt waren, erfolgte am 19. August 1844 die Einweihung des noch heute vorhandenen Schulgebäudes auf dem Gelände des ehemaligen Schulgartens der Klosterschule. Ein dreigeschossiger und U-förmiger Bau mit einem Haupt- und zwei Seitenflügeln war entstanden. In Verlängerung der heutigen Schulstraße diente der Bau als Abschluss der Altstadt. Dadurch existiert von Beginn an die Sichtbeziehung zum ehemaligen Areal des Franziskanerklosters, dessen Abgrenzung auf dem heutigen Schulplatz wieder zu erkennen ist.

Während die Obergeschosse glatt verputzt wurden, hob man das Untergeschoss durch eine umlaufende Quaderung hervor. Die Sandsteingewände und -friese erinnern noch heute an den Formenschatz der Renaissance.
Damals wie heute verursachte der Schulbau erhebliche Kosten. Belege aus dem Jahr 1844 dokumentieren eine Summe von mehr als 20.171 Talern (dies entspricht heute ungefähr 11,5 Mio. €) für die Baukosten. Hinzu kamen die Mittel für Mobiliar und Inventar, für den Ausbau des Schulhofes und den Bau einer Umfassungsmauer.

Von nun an sollte das Leben in den neuen Mauern pulsieren und einer überschwänglichen Einweihungsfeier folgte aus finanziellen Gründen für die laufenden Unterhaltskosten recht schnell die Ernüchterung. Außerdem hatte die Stadt Kamenz einerseits eine schwere Anleihe zu tragen und andererseits nicht genügend Geld für die Bezahlung der Lehrer.
Viele Ideen wurden aus Spargründen geboren, z. B. Unterricht nur bei Tageslicht, um Strom zu sparen oder flexible Unterrichtszeiten.
Gelehrt wurden die Fächer Religion, Deutsch (Lesen, Grammatik und Stil), Rechnen, Geometrie, Geschichte, Geografie, Naturkunde, Technologie, Zeichnen, Singen und Verstandesübungen. Ab 1846 wurde Turnunterricht erteilt sowie ab 1847 weibliche Handarbeiten.
Des Weiteren gab es zwei bis drei Stunden zur Wiederholung des behandelten Stoffes und Nachhilfestunden für zurückgebliebene Kinder. Doch diese Stunden entfielen bald wieder.
Alles in allem funktionierte die Kamenzer Bürgerschule, so dass auf Grund wachsender Schülerzahlen das Schulhaus zu eng wurde. Infolgedessen gab es im Jahr 1885 einen Erweiterungsbau, welcher dem Gebäude seine heutige quadratische Grundform verlieh und zum Einbau der Turnhalle im Untergeschoss führte. Es sei angemerkt, dass dieser Anbau 90.189,84 Mark (heute ca. 17 Mio. €) kostete, was das Schulgeld der Eltern beachtlich erhöhte. Dennoch folgten weitere Investitionen, so z. B. 1912 der Einbau einer Dampfheizung.

In der nachfolgenden Geschichte erlebte unser Haus einen stetigen Wechsel, sei es vom geschichtlichen Verlauf betrachtet oder der Nutzung als Stadt- und Bürgerschule, Progymnasium, staatliche Einheitsschule, 1. Polytechnische Oberschule (I und II), 1. Grundschule und Außenstelle des Lessinggymnasiums, als 1. Mittelschule und seit 2013 1. Oberschule Kamenz. Am längsten hat sich wohl die volkstümliche Bezeichnung als „Forstfestschule“ gehalten.

Von 2005 bis 2007 erfolgte durch den Landkreis eine umfassende Rekonstruktion des alten Schulgebäudes (Kosten ca. 4,85 Mio. €), so dass die altehrwürdigen Gemäuer seitdem eine moderne Oberschule in sich bergen. Täglich erwecken Schüler und Lehrer das traditionsreiche Gebäude zu neuem Leben.
Früher als Schülerin und heute als Lehrerin betrete ich täglich dieses Haus, lerne und arbeite mit Freude in ihm und lasse mich leiten von den Worten „Lerne Weisheit“ – „Uebe Tugend“.


I. Träber
Schulleiterin

 

Quelle: Lerne Weisheit! Uebe Tugend! – Aus der Geschichte der ältesten Kamenzer Schule. Herausgegeben von der Stadtverwaltung Kamenz, Stadtarchiv 1994.

Themen 2013

Die lange Tradition des Schießens auf den Vogel in Kamenz. Ein kurzer Rückblick aus Anlass des 60. Adlerschießens der Lehrer und Gäste

von Thomas Binder

 

Für den 16. September 1435 vermerkt das älteste Stadtbuch des Kamenzer Rates, dass Niklas Heber seine Äcker bei der „ffogilstangen“ wiederkäuflich für 15 Mark Groschen veräußert hat. In der Verkaufsvereinbarung fällt also ganz beiläufig als Ortsangabe der Begriff „Vogelstange“. So wie es auch heute noch üblich ist, wurde an eine lange Stange ein aus Holz nachgebildeter Vogel befestigt, auf den dann zu Übungszwecken geschossen wurde. Und dieses geschieht also seit annähernd 600 Jahren auch in Kamenz. Allerdings stand damals weniger die Volksbelustigung als vielmehr ein ernster Grund hinter den Schießübungen. Es galt nämlich, die Stadt bei einem Angriff verteidigen zu können.

Auch in den darauffolgenden zwei Jahrhunderten dürfte sich das Verhältnis zu diesen Schießübungen in Kamenz kaum verändert haben. Mit dem Jahr 1638 setzen die Schützenannalen mit der Nennung des Vogelkönigs ein. Und sofern nicht durch Stadtbrände, Kriege, Trauerjahr oder auch Abhüten der Wiese bei der Vogelstange – also das Abgrasen durch Vieh – das Abhalten des Königsschießens nicht möglich wurde, verzeichnet die Chronik der Kamenzer Schützengesellschaft kontinuierlich für jedes Jahr die Gewinner des Wettschießens. Wohl bereits zu dieser Zeit fand das Königsschießen in der ersten Juliwoche statt.

Interessant im Zusammenhang mit dem Forstfest erscheint jedoch ein Bericht des Kamenzer Stadtrates an die Oberamtsregierung zu Bautzen aus dem Jahr 1828, worin der Kamenzer Rat Stellung wegen einer Beschwerde des Klosters Marienstern wahrscheinlich aufgrund von Ausschweifungen zum Forstfest des gleichen Jahres nimmt: „Hiernächst ist soviel gewiß, daß dieses jährliche Vergnügen in früheren Zeiten mit weit mehr Erlustigungen und Freyheiten begangen worden ist, als dermalen, wo die Aufklärung und Sittlichkeit eine höhere Stufe erreicht hat. Denn so hat in früheren Zeiten Scheibenschießen, Feuerwerke, Tanzerlustigungen, Schauspiel und dergleichen auf der sogenannten Schülerwiese (mitten im Forste) statt gefunden; alle an diesem Feste theilgenommenen Schüler haben Degen getragen […]“ Gut möglich, dass die Beschwerde des Kloster gerade das Tragen von Waffen im Blick hatte, denn in der beigefügten Instruktion heißt es im Punkt 5 unter anderem: „[…] alles Schießen mit Gewehren, Pulver und dergleichen ist verboten.“ Nun stellt sich die Frage, ob „und dergleichen“ auch das Bogen- oder Armbrustschießen mit beinhaltet. Jedenfalls findet sich für das Jahr 1841 folgender Eintrag des damaligen Schuldirektors August Pachali: „Zum Transport der durch den angeschafften Schießapparat vermehrten Utensilien sind, wie im vorigen Jahre, 3 Fuhren [in den Forst] nöthig“. Und weitere 13 Jahre später (1854) hält der damalige stellvertretende Schuldirektor Karl August Seidel fest, dass „für rechtzeitige Aufstellung der Vogelstangen nebst den dazu gehörenden Schutzwänden zum Auffangen der Bolzen“ zu sorgen ist. Also kann davon ausgegangen werden, dass spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts beim Forstfest auf den Vogel geschossen wurde. Von diesem Zeitpunkt an schulterten die Schulkinder die Holzvögel und Armbrüste, wenn es hieß: ‚Zum Forst zieht´s kinderselig‘. Ob es sich dabei jedoch ausschließlich um ein für die Schuljugend gedachtes Vergnügen handelte, oder ob bereits zu diesem Zeitpunkt auch die Lehrer sich im Schießen versuchten, bleibt unerwähnt und somit weiterhin ungeklärt. Zumindest aber werden sich die Bürger der Stadt die Frage gestellt haben, warum nur die Mitglieder der altehrwürdigen privilegierten Schützengesellschaft und die Schulkinder ein Vogelschießen abhalten dürfen. In der Kamenzer Wochenschrift finden sich seit Mitte der 1870er Jahre Anzeigen, die an die Teilnahme am Vogelschießen zum Forstfest erinnern bzw. dazu einladen. Wie bereits angedeutet, könnte das Kloster St. Marienstern gegen das Tragen von Waffen in seinem Forst eingeschritten sein. Gut möglich, dass mit dem Kauf des klösterlichen Forstes durch die Stadt im Jahre 1877 nun einige Neuerungen Einzug hielten. Hierunter fällt eventuell auch das Bürgervogelschießen. Und die Lehrer? Diesbezüglich findet sich endlich in der Ausgabe vom Donnerstag, dem 26. August 1886, der Kamenzer Wochenschrift ein Hinweis: „Am Vormittag begann das Schießen des Lehrer-Collegiums. An demselben nahmen auch zahlreiche Gäste aus dem Behördenkreise und der Bürgerschaft Antheil.“ Leider konnte noch nicht ermittelt werden, ob es sich bei dieser Nachricht tatsächlich um das erste Adlerschießen der Lehrer handelt. Jedoch deutet viel darauf hin, dass Bürger- und Lehrerschießen fast zeitgleich entstanden sind. Gleichfalls beachtenswert ist ein Artikel der gleichen Zeitung vom 29. August des selben Jahres, worin zu lesen ist: „Der Bogenschützenverein hielt auf der Forstwiese ein Schießen ab.“ Am 16. September 1883 verabschiedete die Bogenschützen-Gesellschaft zu Kamenz in einem Generalkonvent ihre Statuten. Leider haben sich diese Statuten nicht erhalten. Doch darin soll die Gesellschaft festgeschrieben haben, sich um die Erhaltung des Brauches des Vogelschießens der Bürger beim Forstfest zu bemühen.

Wie schon im Ersten Weltkrieg so wurde auch mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das Forstfest und somit das Schießen des Lehrer-Kollegiums bzw. der Bogenschützen ausgesetzt. Doch anders als 1920 erfolgte 1946 keine Wiederbelebung. Die sowjetische Militäradministration hatte nicht nur alle Schützenvereine – und somit auch die Bogenschützen-Gesellschaft – in der sowjetischen Besatzungszone aufgelöst und ihr Eigentum beschlagnahmt, sondern jede Art von Waffen und deren Gebrauch, selbst im Zusammenhang mit einem friedlichen Fest, verboten. Daher fanden seit dem ersten Forstfest nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erst nur Lehrertreffen statt, die dann um Kegelwettkämpfe erweitert wurden, bis 1954 erstmals wieder das traditionelle „Lehrerschießen“ stattfinden konnte. Zwar wurde das Adlerschießen der Lehrer und Gäste zu neuem Leben erweckt, doch das ebenfalls zum Forstfest abgehaltene Bürgervogelschießen fand keine Wiederaufnahme. Vielleicht sollte einerseits nicht zu sehr eine „militärische“ Ausrichtung des Forstfestes erfolgen. Ohnehin fehlte es an dem traditionellen Ausrichter dieser Veranstaltung. So existierten in der DDR spätestens seit dem Jahre 1976, mit der Ablösung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) durch das Zivilgesetzbuch der DDR, außer Sportvereinen offiziell keine Vereine mehr. Das galt eben auch für Schützenvereine, da sie nicht zu den Sportvereinen, sondern aufgrund ihrer Tradition zu militaristischen bzw. politischen Gruppierungen zählten. Sicherlich wurde andererseits allenthalben festgestellt, dass das Forstfest an Veranstaltungen bereichert werden muss. Um es attraktiver zu gestalten wurde wahrscheinlich deshalb 1983 ein Tischtennisturnier ins Leben gerufen. Als sich jedoch 1990 die Schützengesellschaft Kamenz e. V. gründete, 1995 erstmals wieder in den Forst hinauszog und seit 1996 unter ihrer Leitung endlich wieder das Adlerschießen der Bürger stattfindet, bewies sich das Tischtennisturnier – anders als einst das Kegeln bei den Lehrern – als inzwischen gestandene Größe.

Es bleibt festzuhalten, dass das Adlerschießen der Lehrer und Gäste auf mehr als nur eine 60jährige Geschichte zurückblicken kann. Doch ist es dem Engagement einiger Lehrer und ehemaliger Mitglieder der Bogenschützen-Gesellschaft zu verdanken, dass die weit bis ins 19. Jahrhundert hineinreichende Tradition des Vogelschießens zum Forstfest wiederbelebt wurde. Und so wirken die ausführlichen Zeitungsberichte der Druckerei Krausche aus längst vergangenen Zeiten doch sehr vertraut. Vermutlich schon seit Anbeginn war es der Forstfest-Mittwoch, an dem geschossen wurde. Auch vom üblichen Auslosen der Reihenfolge ist zu lesen, was jedoch einstmals erst unmittelbar vor dem Schießen erfolgte. Gleiches gilt für das Pausieren zum Mittagsmahl, das damals übrigens noch jährlich zwischen den Zelten wechselte, und durch Redebeiträge unterbrochen wurde. Und selbst vom Marschall und Inhaber des Kleinod werden neben dem eigentlichen König die Rede. Der sich der Proklamation anschließende Zug über das Festgelände zu allen Schaubuden und vor allem in alle Zelte hat sich nicht bis in unsere Zeit bewahrt. Und auch die Teilnehmerzahl vergangener Zeiten wird wohl in unerreichbarer Ferne bleiben, wenn von meist weit über 150 Personen die Rede ist. Doch egal, welche Veränderungen sich in den nächsten 60 Jahren ergeben sollten; wünschenswert wäre, dass das Schießen der Lehrer und ihrer Gäste den Teilnehmern und ferner den Besuchern des Kamenzer Forstfestes auch zukünftig erhalten bleibt.

2012: Weiße Stoffe zum Forstfest empfiehlt in größter Auswahl

Weisse Stoffe zum Forstfest empfiehlt in groesster Auswahl.pdf (164,9 KiB)

2011: 100 Jahre Fliegen

100 Jahre Fliegen.pdf (136,8 KiB)

2010: 100 Jahre Lessingschule und Der Lessingturm auf dem Hutberg Kamenz

100 Jahre Lessingschule 2010.pdf (51,1 KiB)